Wir leben in einer schnelllebigen Zeit – zumindest wird uns dieser Eindruck vermittelt. Mit der und heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten sind wir gleichsam in Echtzeit – da die Übertragungsgeschwindigkeiten dermaßen kurz und für einen Menschen kaum erlebbar nachvollziehbar sind – mit der ganzen Welt verbunden. Wir sitzen mehr oder minder im Weißen Haus, wenn der Präsident twittert. Wir sind sozusagen „in bed mit Trump“ – nicht mit Madonna.

Kurznachrichten, gleichsam Quintessenzen – zumindest will man uns das glauben lassen: ja nur nicht etwas zu Langes, was unsere Aufmerksamkeitsspanne eventuell überfordern könnte! Auf-den-Punkt-gebrachtes heißt die Losung. Aber wird hier wirklich etwas auf den Punkt gebracht? Ist Donald Trump vielleicht gar ein Aphoristiker? Einer, der, wie der berühmte Aphorismen-Verfasser Stanislaw Jerzy Lec angemerkt hat, der sich kurz fasst, da die Welt überbevölkert ist von Wörtern? Trump, das kann ich sagen, ist ganz bestimmt keiner. Gerade wegen der Paradoxie des Lecschen Aphorismus – ist doch ein wesentliches Merkmal eines Aphorismus‘, dass er zum Nachdenken anregt. Das heißt, dass er der Wörterüberbevölkerung weitere Wörter hinzugibt.

Am Buchmarkt haben es Aphoristiker schwer. Schwerer noch, als Menschen, die Lyrik schreiben. Zumal die Quantität, der sogenannte „Output“, an der Zahl der Worte gemessen, gering ist. Daher ist jemand, der es dennoch wagt, sich als „Aphoristiker“ zu bezeichnen schon daher zu schätzen, da er sich diesem Wagnis von viel Raum um wenige Worte herum aussetzt. Und weil er die Lesenden gleichsam auffordert nachzudenken, da der scheinbar leere Raum um die wenigen Worte herum viele Worte, das heißt Gedanken, Assoziationen oder Erinnerungen braucht. Und wenn noch hinzukommt, dass diese wenigen Worte Gehalt haben – Inhalt und Bedeutung – dann muss man darauf hinweisen.

Markus Mirwald ist so ein jemand, der es wagt, ein Buch mit Aphorismen zu publizieren – und zwar so, dass 50 Aphorismen ein Buch ergeben. Das heißt, ein Buch, das viel Raum lässt – Raum lassen muss. Markus Mirwald: Der vielleicht größte Schatz – Wesentliches in wenigen Worten, erschienen 2017 im Eigenverlag und beziehbar über die Webseite des Autors www.wesentliches.at.

Mirwald, 1982 in Vorarlberg geboren, Soziologe und Autor – und Aphoristiker, hat dieses Wagnis, sich selbst als „Aphoristiker“ zu bezeichnen auf sich genommen. Warum ich das betone? Einen geraden Satz bekommt ja beinahe ein jeder zusammen – einen Satz von Gehalt jedoch kaum jemand. Was bedeutet das? Lassen wir vorher den Autor mit dem 13. Aphorismus zu Wort kommen:

„Wer sich stets von seiner besten Seite zeigt, macht nicht dasselbe wie jemand, der die bestmögliche Version seiner selbst lebt.“

Es ist schwer, einen Aphorismus wirken zu lassen. Und Aphorismen brauchen genau das: Zeit und Raum, um wirken zu können – denn genau das ist ja der Sinn eines solchen! Das öffnen von Räumen – von jeweils individuellen Räumen, die eben der Aphorismus einem zu eröffnen in der Lage ist. Ein Aphorismus ist eben keine Quintessenz, sondern im Gegenteil etwas in alle Richtungen hin Offenes, dem man nachspüren, nachforschen, nachgehen muss. Was auf den ersten Blick vielleicht so einfach und klar daherkommt, entpuppt sich eigentlich als etwas Umfangreiches. Jedoch ist dieses Umfangreiche nicht durch eine Beschreibung eingegrenzt, sondern eben für jede Person offen. Sie müssen sich gleichsam die scheinbar leeren Räume erlebbar machen. So gesehen ist der Aphorismus auch etwas Paradoxes.

„Aphorismen zu schreiben, ist der Versuch, eine An- oder Einsicht in wenige Worte zu fassen – und glaubhaft zu machen, dass es dem nichts hinzuzufügen gibt.“

Das ist einerseits richtig und andererseits auch nur ein Teil der – nicht: Wahrheit – sondern Richtigkeit. Es ist nicht mehr zu sagen gewesen und dennoch – vorausgesetzt man lässt sich darauf ein – hat man noch einen weiten Weg vor sich, indem man dem, was nicht hinzuzufügen gewesen ist, nachspürt. Denn wie heißt es im Aphorismus Nummer 24:

„Kaum etwas ist uns so nah und gleichzeitig so schwer begreiflich wie die Perspektive, mit der wir in die Welt blicken.“

Wohin Sie eventuell, wenn Sie diesem Beispiel nachschmecken, gelangen, weiß ich nicht. Woher auch? Ich kann Ihnen nur sagen, dass es mich sehr angeregt hat! Schließlich ist ein wesentlicher Punkt des Lesens – egal was man liest – selbst meinethalben manches Mal den gewitterten Schwachsinn – und ich meine nicht den von Trump – dass man es wirken lässt – und interpretiert. Alles, was geschrieben wird, hat beim Lesenden natürlich so etwas wie eine Katalysatorenfunktion: es regt an. Wie es anregt, entscheiden Sie selbstverständlich selbst.

Ich meinerseits kann Ihnen nur empfehlen, sich auf Anregungen einzulassen – auf Anregungen wie die Aphorismen von Markus Mirwald. Ich darf den zuletzt zitierten noch einmal wiederholen:

„Kaum etwas ist uns so nah und gleichzeitig so schwer begreiflich wie die Perspektive, mit der wir in die Welt blicken.“

Wilfried Resch

Dieser Text ist ein Ausschnitt des Radiobeitrags „Empfehlung 29“ (von 12:50 bis 18:20) aus der Sendereihe „Zum Beispiel Literatur“.